
Ein weiterer Klassiker der Oldschool-Tattoogeschichte ist Bert Grimm’s Sonnentänzer.
Auf dem originalen Tattoo-Flash zeigt Bert Grimm eine tanzende indigene Frau. Während sie das linke Knie anhebt, hält sie in der rechten Hand einen Speer. In der linken trägt sie ein Schild, auf dem ein Adler dargestellt ist. Im Hintergrund malte Grimm eine rote Sonne, flankiert von traditionellen gelben Rosen.
Das Motiv verbindet kraftvolle Symbolik, Bewegung und spirituelle Elemente – typisch für Grimms unverwechselbare Bildsprache.
Der Sonnentanz – ritueller Ursprung des Motivs
Wie der Titel des Motivs vermuten lässt, bezieht sich der Sonnentänzer auf den Sonnentanz, ein rituelles Zeremoniell, das traditionell von indigenen Völkern Nordamerikas praktiziert wurde. Der Tanz war vom Süden Kanadas bis in weite Teile Nordamerikas verbreitet und wurde überwiegend von Männern ausgeführt.
Der Sonnentanz dauerte meist mehrere Tage. Während dieser Zeit tanzten die Teilnehmer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – ohne Nahrung, Wasser oder Schutz vor der Sonne. Ziel war es, durch körperliche Entbehrung und Ausdauer einen tranceartigen Zustand zu erreichen.
Schmerz, Opfer und spirituelle Erfahrung
In einigen Ausprägungen des Rituals wurden Holzpflöcke durch die Haut der Brust gestochen, die mit Seilen an einem zentralen Pfahl befestigt waren. Die Tänzer lehnten sich mit ihrem Körpergewicht in die Seile, bis sich die Pflöcke aus der Haut lösten. In anderen Varianten wurden die Pflöcke durch Pferde herausgezogen, schwere Gegenstände wie Büffelschädel hinterhergezogen oder die Tänzer zeitweise an Bäumen aufgehängt.
Diese Praktiken dienten nicht der Zurschaustellung von Leid, sondern hatten eine tiefere spirituelle Bedeutung. Der Schmerz sollte Erkenntnis ermöglichen und den Tänzern helfen, existentielle Fragen des Lebens zu verstehen.


Bedeutung des Piercings im Ritual
Das Durchstechen der Haut wurde nicht bei allen Stämmen praktiziert. Dort, wo es Teil des Rituals war, hatte es eine symbolische Funktion: Es sollte Männern eine Erfahrung des Leids vermitteln, das Frauen während Schwangerschaft und Geburt erleben. Der Sonnentanz wurde so zu einem Weg, Schmerz, Blut und Opfer zu begreifen – ohne Krieg führen zu müssen.
Ziel war es, durch diese Grenzerfahrung einen veränderten Bewusstseinszustand zu erreichen, in dem Visionen, Einsichten oder neue Lebensfragen entstehen konnten.
Bert Grimm und der Sonnentänzer im Tattoo-Kontext
Bert Grimm zählt – neben Künstlern wie Christian Warlich und Gus Wagner – zu den einflussreichsten Tattoo-Pionieren des 20. Jahrhunderts. Bereits im Kindesalter tätowierte er in Shops in Portland und kaufte seine erste Tätowiermaschine mit nur zwölf Jahren.
Sein Leben führte ihn unter anderem zur Buffalo Bill’s Show und später nach „The Pike“ in Long Beach, Kalifornien, wo er in den 1950er- und 1960er-Jahren arbeitete. Vor seinem Tod im Jahr 1985 tätowierte er in Städten wie Chicago, Las Vegas, Los Angeles, Honolulu und sogar in China.
Der Sonnentänzer ist eines seiner bekanntesten Motive. Neben diesem Design sind auch Grimms Sonnen, Tiger und weinende Herzen bis heute feste Bestandteile der klassischen Oldschool-Tattookultur.
Oldschool-Klassiker bewahren
Viele dieser historischen Motive lassen sich bis heute in alten Flash-Sammlungen und Tattoo-Büchern finden. Sie erzählen von einer Zeit, in der Tattoos klare Symbole, starke Geschichten und handwerkliche Präzision vereinten.
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