Die Blütezeit des Irezumi

Poster aus der Ausstellung "East" Blütezeit des Irezumi von Mario Testino in London

Die Ausstellung „East“ in London

Swen Losinsky besuchte für uns die Ausstellung „East“ von Mario Testino in London. Die Ausstellung war bis zum 7. Februar 2020 zu sehen und widmete sich einer fotografischen Auseinandersetzung mit tätowierten Körpern, floralen Motiven und klassischer japanischer Bildästhetik.

Der international bekannte Fotograf präsentierte 18 großformatige Drucke, die eine visuelle Verbindung zwischen japanischen Blüten und stark tätowierten Männern herstellen. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die erklärende Darstellung von Tätowierungen, sondern deren Wirkung im Zusammenspiel mit Raum, Körper und Motiv.


Blüten der Edo-Epoche

Die fotografierten Stillleben der Blüten orientieren sich sichtbar an der Bildsprache der Ukiyo-e, den sogenannten „Bildern der fließenden Welt“. Diese Kunstform der Edo-Zeit spiegelt das Lebensgefühl des städtischen Bürgertums wider und richtet den Blick auf das Irdische, Vergängliche und Gegenwärtige.

Ähnlich wie das Vanitas-Motiv in der europäischen Kunst thematisiert auch Ukiyo-e das Bewusstsein für den Moment. Innerhalb dieser Bildtradition stehen Blüten nicht nur für Schönheit, sondern auch für Charakter, Wandel und Vergänglichkeit. Mario Testino greift diese Bildsprache auf und übersetzt sie mithilfe antiker Raumteiler und klarer Kompositionen in einen zeitgenössischen fotografischen Kontext.

Florale Motive wie Kirschblüten, Pfingstrosen oder Chrysanthemen erscheinen hier nicht erklärend, sondern als visuelle Träger einer überlieferten Ästhetik, die bis heute als Inspirationsquelle in der japanischen Kunst wirkt.


Tätowierte Körper im fotografischen Kontext

Im bewussten Kontrast zu den floralen Stillleben fotografierte Testino stark tätowierte Männer. Die gezeigten Arbeiten stammen von Horiyoshi III, einem der bekanntesten Vertreter der traditionellen japanischen Tätowierkunst. Die Fotografien setzen den Körper dabei nicht als individuelles Statement in Szene, sondern als Teil einer klar komponierten Bildfläche.

Historisch war Tätowierung in Japan zeitweise gesellschaftlich ausgegrenzt, insbesondere während der frühen Meiji-Zeit. Diese Hintergründe bilden in der Ausstellung jedoch keinen erklärenden Schwerpunkt, sondern fungieren als stiller kultureller Resonanzraum. Testino interessiert sich weniger für soziale Zuschreibungen als für die visuelle Kraft tätowierter Körper innerhalb einer klassischen Bildordnung.

Die verschränkten Körper, die ruhige Haltung und die Reduktion auf Form, Haut und Motiv lassen die Tätowierungen als Bestandteil einer größeren Bildsprache erscheinen – nicht als isolierte Zeichen.


Suikoden und Ukiyo-e als visuelle Referenz

Ein wiederkehrender Bezugspunkt der Ausstellung ist die Bildwelt der Suikoden, die eng mit der Ukiyo-e-Tradition verbunden ist. Im 19. Jahrhundert veröffentlichte Utagawa Kuniyoshi eine Reihe von Holzschnitten zu diesem Stoff, in denen Figuren mit großflächigen Tätowierungen dargestellt wurden.

Diese Darstellungen prägten über Jahrzehnte die visuelle Wahrnehmung tätowierter Körper in Japan. In der Ausstellung werden diese historischen Referenzen nicht didaktisch erläutert, sondern visuell aufgegriffen. Sie dienen als Hintergrundwissen für Betrachter, die mit der Bildtradition vertraut sind, ohne den Charakter der Ausstellung zu einem historischen Lehrstück zu machen.


Irezumi als Quelle künstlerischer Inspiration

Die Ausstellung zeigt Irezumi nicht als abgeschlossenes kulturelles Phänomen, sondern als fortwirkende Inspirationsquelle. Die Verbindung aus Körper, Motiv, Blüte und Raum verweist auf eine Bildlogik, die über Jahrhunderte hinweg gewachsen ist und bis heute in unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen weiterlebt.

Gerade großflächige Tattoo-Arbeiten orientieren sich häufig an denselben Prinzipien von Fläche, Rhythmus und Balance, die auch in der klassischen japanischen Kunst eine zentrale Rolle spielen. Die Edo-Periode bleibt dabei eine der wichtigsten Referenzen für diese visuelle Sprache.


Verpasst?

Falls ihr die Ausstellung verpasst habt, lohnt sich dennoch ein Blick in entsprechende Bildbände und Publikationen zur Ukiyo-e-Kunst und zur Suikoden-Tradition. Swen verfügt über eine umfangreiche Sammlung an Büchern zu diesen Themen, die einen vertieften Einblick in die Bildwelt der Edo-Zeit ermöglichen.

Diese Epoche bildet bis heute eine wichtige Inspirationsquelle für groß angelegte Tattoo-Konzepte und künstlerische Projekte. Bei einem Besuch im Studio lassen sich eigene Entwürfe und gestalterische Ansätze entdecken – stets ausgehend von Bildsprache, Komposition und kulturellem Kontext, nicht von vereinfachten Bedeutungszuschreibungen.